BILLI THANNER | WIE GEHT ES MIR HEUTE

 

WIE GEHT ES MIR HEUTE
BILLI THANNER

 

ERÖFFNUNG | Donnerstag, 07. Mai 2015 ab 18. 30 Uhr
Mit einleitenden Worten von Anton Herzl

AUSSTELLUNGSDAUER | 08. Mai bis 05. Juni 2015
ÖFFNUNGSZEITEN | Montag bis Freitag von 10 – 14 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung

 

Einladung


 

„Wie geht es mir heute?“ –

Text zur gleichnamigen Bilderserie von Billi Thanner

(Anton Herzl 2015)

Die Frage nach der jeweiligen Modalität der gegenwärtigen Existenz mag vielfältig zu beantworten sein. Trotz der eröffneten Möglichkeit auf die Frage „Wie geht es Dir?“ alle Aspekte der eigenen Befindlichkeit als Antwort in Erwägung zu ziehen und bei dieser Gelegenheit etwaige Sorgen und Ängste oder aktuelle gesundheitliche Beschwerden zumindest anzusprechen, begnügen wir uns zumeist mit einer minimierten Floskel, „Danke, gut“. Im Englischen gilt es überhaupt als Affront der Frage „How do You do?“ mit einer inhaltlichen Antwort zu begegnen. Die Konvention dieser Weltsprache besteht in der gleichlautenden Gegenfrage: „How do You do?“ und dieser Dialog wird eben durch seine symmetrische Veranlagung zur Grußformel umfunktioniert.

So erlebt, erreicht uns aus dem Alltag die Frage nach unserem eigenen Befinden nur mittelbar. Die Referenz individuellen Befindens bildet sich angesichts des demonstrierten Desinteresses im Dialogischen zu einem solipsistischen Konsilium aus:„Wie geht es mir heute?“ Die Maßstäbe der Ego-Konsultation sind jedoch schwer festzulegen!

Zwischen den Extremen „Leben ist Leiden“ und „Weil ich es mir wert bin!“ oszilliert bisweilen die überreizte Selbstwahrnehmung und die Bestimmung eines höchstpersönlichen Leidens- oder Selbstwertniveaus verläuft oft ohne die reflektierende Orientierungsleistung, die ihr in jedem Fall, und sei es nur um im Angesicht der nämlichen Frage nicht seines Selbst verlustig zu werden, vorangestellt werden sollte.

Der Moment, als das Subjekt zum Objekt des Subjekts wird, mag der Augenblick sein, der auf die Bilder Billi Thanners fällt. Das Bild vom Bild im Bild, als Sujet der Selbstreferenz einer Künstlerschaft, die ihre Kraft aus jener Selbstbefragung schöpft, welche in der Verallgemeinerung als Frage nach der Conditio humana gestellt sein wird. Billi Thanner beherrscht diese Übertragung perfekt und bestellt dem Betrachter auf diese Weise vielleicht jenes Feld, aus dem diejenigen Einsichten ins Ich möglich gemacht werden, die es braucht, um letztlich auf jene Frage zu antworten, die die Künstlerin uns zunächst nur lapidar, ja scheinbar sogar nur für sich selbst, in den Raum gestellt zu haben scheint: „Wie geht es mir heute?“

Erbauung an der Schönheit oder Kapitulation vor der Bilderflut? – ja wie geht es mir denn heute?  Klinikaufenthalt nach Burnout und Zusammenbruch oder Meditation im Allerheiligsten der Promiklinik – wie geht´s mir denn wirklich heute?

Gestylt für die nächste shopping-expirience oder ausverkaufte Ich-bin-es-mir-wert-aber-was-eigentlich?-Masche, ach, wie geht´s mir so?

Wunschlos fertig und kaputto-kapitale oder das Glück haut mich um und dann macht´s bumm – Pose mit Kakadu im Schritt, mir geht´s – ja, wie?

Quantifiziertes Glück oder Frustration aus Gründen der Überqualifikation, wie könnte es mir heute auch gehen?

Und wie lange geht diese Parade aus Anwälten, Ärzten und Steuerberatern noch an mir vorbei, bis ich wieder in mein Bett darf? – wie geht´s mir, hallo?

Wird mein Neues Auto mir zu jenen Glücksgefühlen zurück verhelfen, die verspürte als die Eltern uns zum Picknick ins Grüne chauffierten, oder geht´s mir darum gar nicht mehr, wenn ich mich frage wie´s mir geht?

„Can You give me a lift?“  oder wohin geht´s mit der Frage wie es mir geht?

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den besten Schnee im Land? – oder nimmst a line bist allein- geht´s mir noch, aber WIE!?

So mag  man vor dem eigenen Spiegelbild stehen und halbherzig Goethes Faust zitieren: „Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; und wie geht´s mir so. heute?

Billi Thanner versteht es mit ihren Bildsujets jene Kanäle zu öffnen die unsere psychischen Ebenen erst miteinander verbinden. Der Schock, den ihre Bilder bisweilen, irgendwie nebenbei, auslösen können, eröffnet sich meist nicht aus der Darstellung von Blutrünstigen oder Ekelhaften, weder stammt er aus vordergründigen Tabubrüchen noch bietet Thanners Bildwerk Blicke auf weltenfremde Fiktionen.

Die subtile Wirkung Billi Thanners Bilderwelt eröffnet sich viel mehr auf der Ebene von Vertrauten und selbst schon erlebten oder zumindest Gesehenem: Erinnerungen, die wir vor allem deshalb miteinander teilen, weil wir aus der selben Konsum- und Warenwelt entstammen, weil wir mit unsren Augen immer auf die selben halbnackten Pinup-Girls blicken, wenn wir unsere Alltagsentscheidungen für das ein oder andere Waschmittel treffen.

Jene Figuren bewohnen ihre Bilder, die wir als Archetypen aus der Reklame kennen und in unsäglich subtil-eindringlicher Weise erinnert uns Thanner daran, dass unser gesamtes Unterbewusstsein längst abgefüllt ist mit jenen Sujets und so legt uns die Künstlerin dar, dass wir gleichsam aus diesem Zeug, diesen Bildern und Inhalten, Werten und Wertigkeiten bestehen, die uns als Kultur vorgeschwindelt werden und letztlich unser Hirn so anramschen, dass wir nur mehr daraus bestehen, wie aus den Atomen von Cheesburgern.

Lustig und luftig schätzen wir Thanners Bilder auf den ersten Blick ein und ihre wahre Wirkung wird erst begonnen haben sich zu entfalten, wenn wir als ihre arglosen Käufer das Geld für das frohsinnige Bunt der quirligen Dame schon längst auf den Tresen gelegt hatten. Zu diesem Zeitpunkt könnte auch die Frage „Wie geht es mir heute?“ tiefer und konkreter in das Mark des Selbsthervorbringungsorganes hinter unseren Augen eingedrungen sein und selbst für den Fall, dass wir uns grosso modo in der Lage befinden eine positive Antwort auf jene Frage abliefern zu können, wird die Sogwirkung Thanners Kunst ihren langfristigen Effekt möglicherweise gerade erst zeitigen: Es ist dies die Wirkung jenes einzigen Auftrags wahrer Kunst, nämlich die Verunsicherung alles als gegeben Hingenommenen voran zu treiben.

Dabei ist die Verunsicherung der Selbstwahrnehmung selbst, also die Frage „Wie geht es mir heute?“ zu stellen, eine Angelegenheit, die durch die Epochen der Geschichte starken Veränderungen unterworfen ist. Zum Beispiel wird die Frage nach dem eigenen Befinden heutezutage mutmaßlich häufiger und intensiver gestellt, als vergleichsweise in den Jahrzehnten nach dem Ende des 2.Weltkrieges. Der Imperativ unserer Epoche, jener durch den Konsumismus und die Problemstellung von der Freizeitgestaltung (sowohl als Milliardär als auch als Hartz IV – Empfänger oder etwa Pensionär) besteht längst nicht mehr im Gebot zur Askese, sondern, um wieder mit dem Philosophen Slavoj Žižek zu sprechen, im Imperativ zum Genuss.

Genieße Dein Dasein! Genieße Dein Geld! Genieße, dass Du jung, gesund, reich, kompetent, mobil, etc. etc. bist! Das heutige psychische Elend geht, als neuartiger Maßstab für die Wahrnehmung der eigenen Befindlichkeit, eben als Reflexion auf die Frage Billi Thanners, „Wie geht es mir heute?“, von der Unfähigkeit zu genießen aus! – Menschen, die unter Depressionen leiden, müssen sich nicht selten den Satz „Was ist nur mit Dir los, Du hast doch alles!“ gefallen lassen und was in Bezug auf die materielle (Grund-) Versorgung objektiv auch stimmen mag, verweist eigentlich nur auf ein schweres Missverständnis: Dass der Mangel Ursache für die meisten Verstimmungen der menschlichen Psyche sei. Die Umkehrung, dass der Überfluss die Ursache sei, stimmt leider auch nicht. Die Entdeckung lautet vielmehr, es geht uns schlecht, weil wir den einzigen Auftrag, den wir als Konsumenten in der Welt der Werbung und Reklame nicht in der Lage sind zu erfüllen: All das Gebotene auch zu genießen!

Ähnlich den als hübsch geltenden jungen Frauen mit einer Ess-Brechstörung hat sich in der gesamten Gesellschaft schon ein lamellenhafter Schatten in die Psychen der Teilnehmer dieser Orientierungsgemeinschaft geschoben, dessen Wirkweise Billi Thanner durchschaut hat und immer wieder aufzeigt.

Dabei wählt Thanner den künstlerisch anspruchvolleren Weg, nämlich jenen, der inhaltlich nicht vordergründig plakativ, sondern vielmehr subtil eindringend vorgeht und dies positiv paradoxisch mit Bildern, die sich der Harmlosigkeit einer Palmers-Sexualität bedienen, die wir als unser im Konsens-Ideal scheinbar schon restlos verinnerlicht haben? Wären wir nicht noch im Stande uns, entlang Billi Thanners Bilderwelt die Frage zu stellen:

„Wie geht es mir heute?“